Der Standort Leer

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Exkursion:        

Niedersächsische Küstenräume

Datum:

24.08.-27.08.1998

Thema:

Der Standort Leer und sein wirtschaftliches Umfeld

Referent:  

Sönke Voß

 Der Standort Leer

Gliederung:

1.   

Abriss der (Wirtschafts-) Geschichte von Leer
2.  Die Entwicklung nach 1945
3. Das Grundproblem der regionalen Wirtschaftsstruktur

    3.1

Einleitung
    3.2  Die Bevölkerungsentwicklung
    3.3  Veränderung der Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft
    3.4   Entwicklung der Industrie
4. Der Hafen von Leer
5. Die regionale Wirtschaftspolitik und ihre Auswirkungen für Leer
6. Zur aktuellen Situation
7. Quellen
8. Anhang

1. Abriss der (Wirtschafts-) Geschichte von Leer

787-791:

 Liudger lässt in dem Fischerdorf Leer die erste Kirche Ostfriesland errichten4 ff.)

850:

Der Name Leer (als „Lare“) taucht erstmals schriftlich auf

1421: 

Der Friesenhäuptling Fokko Ukena lässt eine Zwingburg errichten

1431:

Zerstörung Leers und Flucht Fokko Ukenas

1437:

Besetzung Leers (bis 1453) durch Truppen der Hanse unter der Führung Hamburgs

im Zuge einer Strafexpeditionen gegen das Seeräuberunwesen

1508:

Gewährung des Marktrechtes durch das Herrscherhaus Cirksena. 

Kreuz- und St. Gallus-Markt werden erbaut

16.Jhrd.:

Ausbau der Leinenweberei und des Handels durch holländische Mennoniten

17./18. Jhrd.: 

Leinenweberei, Viehhandel und Handelsschifffahrt sorgen für einen Wohlstand;

der Baustil ist niederländisch geprägt, was sich heute noch im Altstadtbild ablesen lässt

1619:

Bau der Haneburg

1642:

Bau der Evenburg

1651:

Zunftordnung wird erlassen

1765:

Befreiung Leers vom Emder Stapelrecht

1823:

Leer erhält das Stadtrecht

1869: 

Fertigstellung der Eisenbahn Bremen-Oldenburg-Leer

1892-1899:

Bau des Dortmund-Ems-Kanales

1905:

Gründung der Heringsfischerei AG

1900-1903:

Ausbau des Hafens und Bau einer neuen Schleuse in Leer

1925-1928:

Auf dem neu entstandenen Nesse-Gelände werden der Viehhof

gebaut und andere wichtige Betriebe angesiedelt. Der Hafen wird weiter ausgebaut.

(vgl. Hanewald S. 83 f., Eckert S. 48 f., Krömer S. 44ff.)

2. Die Entwicklung nach 1945

Als alliierte Truppen am 28.04.1945 Leer besetzten, hatte die Stadt große Zerstörungen erlitten. 

Die Innenstadt und andere, kriegswichtige Objekte waren durch Bombenabwürfe zerstört, zudem 

hatte es schwere Kampfhandlungen in Leer gegeben, da die deutschen Truppen lange Zeit 

versuchten, die Stadt zu verteidigen. In der Region um Leer sprengte die sich zurückziehende

Wehrmacht Eisenbahn- und Straßenbrücken über Ems und Leda.

So wurde nach Kriegsende beim Wiederaufbau vordringlich begonnen, die Ems und besonders den

Hafen von Leer von Trümmern zu befreien und so wieder für die Schifffahrt nutzbar zu machen. 

Neue Brücken wurden errichtet.

(vgl. Krömer S. 92 ff., Requard-Schohaus S. 33 ff.)

3. Das Grundproblem der regionalen Wirtschaftsstruktur

3.1 Einleitung 

Trotz aller Bemühungen blieb die besondere regionale Wirtschaftsstruktur mit den entsprechen-

den Problemen für Leer und ganz Ostfriesland ein entscheidendes Defizit bis heute. Ein grund-

sätzlicher Mangel an Beschäftigungsmöglichkeiten erzeugt eine sogenannte strukturelle Arbeitslosigkeit,

die nicht auf saisonale oder konjunkturelle Phasen zurückzuführen ist. Auch in 

Zeiten der Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik war die Arbeitslosenquote für den Bezirk Leer

überdurchschnittlich.

Erklärt werden kann die strukturelle Arbeitslosigkeit durch

- die Bevölkerungsentwicklung

- den starken Rückgang an Erwerbsmöglichkeiten im Bereich der Landwirtschaft

- den Mangel an gewerblich-industriellen Betrieben und damit an Erwerbsmöglichkeiten in  

 

3.2 Die Bevölkerungsentwicklung 

Während in Leer und ganz Ostfriesland bei Kriegsende und in den folgenden Jahren die

Bevölkerungszahl durch den Flüchtlingszustrom anstieg, kam es in den 50´er Jahren zu einer

Abwanderung von Personen, die sich meist im erwerbsfähigen Alter befanden. Diese zog es aus

dem strukturschwachen Ostfriesland in jene Gebiete, die stark am wirtschaftlichen Aufschwung

partizipierten. Aus diesem Grund konnte auch in Zeiten der gesamtwirtschaftlichen 

Vollbeschäftigung in Leer die Arbeitslosenquote niedrig gehalten werden.

Ab Mitte der 70´er Jahre entstand bedingt durch die anhaltenden Geburtenüberschüsse der 

60´er Jahre eine ausgeweitete Nachfrage nach Ausbildungsplätzen. Diesem Problem versuchte

man mit einem Landesprogramm Abhilfe zu schaffen, was durch zusätzliche Ausbildungsplätze,

einem Berufsgrundbildungsjahr u.ä. auch gelang.

Trotzdem stieg die Zahl der Arbeitssuchenden ab den 70´er Jahren im Zuge der allgemeinen negativen

wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik auch im Bezirk Leer wieder an.

3.3 Veränderung der Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft 

Die Tab. 2 zeigt die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen in den einzelnen Bereichen in ganz

Ostfriesland von 1946 bis 1987. Dabei hat die Erwerbstätigkeit im primären Sektor nicht nur 

relativ von 46,4% auf 8,2 %, sondern auch absolut von 68.630 auf 12.652 abgenommen.

Zwar entstanden in anderen Bereichen neue Arbeitsplätze, die Freisetzung von Arbeitnehmern

aus der Land- und Forstwirtschaft und die Zunahme der Bevölkerungszahl (und hier speziell der

erwerbsfähigen Personen) konnten in der Region nicht kompensiert werden.

3.4 Entwicklung der Industrie

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in der Region Leer nur wenige Industriebetriebe, dabei

spielten der Schiffbau und die Zulieferung die größte Rolle. In der Folgezeit setzte eine positive

Industrialisierungsentwicklung ein, die nicht nur neue Industriebetriebe brachte, sondern auch

von einer Umstrukturierung geprägt war. Einige damals neu entstandene Betriebe (wie ein

Büromaschinenwerk oder eine Porzellanfabrik) existieren heute nicht mehr, haben aber einen

günstigen Einfluss auf die Beschäftigungssituation gehabt (Gewerbesteuer, Facharbeiter-

ausbildung u.s.w.).

Der Anzahl der Beschäftigten im Bereich des verarbeitenden Gewerbes nahm in der Zeit von 

1970 bis 1980 um 20 % ab, im Bereich Energie/Wasser/Bergbau waren es sogar 32 % 

(vgl. Schaeder S. 47). Weiter ergab die Untersuchung aus dem Jahre 1986, dass das Lohn- und

Gehaltsniveau für die Region Leer im verarbeitenden Gewerbe erheblich unter dem Landes-

durchschnitt lag (21,1% bzw. 20,1% bei Arbeitern /Angestellten).

(vgl. Krömer S. 113 ff., Schaeder 1986)

4. Der Hafen von Leer

Markantes wirtschaftliches Merkmal des Hafens von Leer ist die kontinuierliche Stetigkeit und

vor allem Steigerung im Binnenschiffsverkehr. Lediglich in den 70´er Jahren erfolgte ein

gewisser Abfall, wenn auch bei weitem kein Einbruch wie bei den Häfen von Papenburg oder 

besonders Emden. Der Binnenschiffverkehr ist in Leer immer dominant gewesen, 1985 konnte 

erstmals ein Gesamtumschlag in Binnen- und Seeverkehr von über 1. Mio. Tonnen Gesamtum-

schlag erzielt werden.

Die Hauptgüter des Hafens von Leer sind Baustoffe, Düngemittel, Eisen, Stahl. Für den 

Seeverkehr sind noch pflanzliche Rohstoffe von Bedeutung, die in der Leeraner Ölmühle 

verarbeitet werden. Damit hat sich der Hafen von Leer stärker an dem örtlichen verarbeitenden

Gewerbe und dem Bedarf der regionalen Wirtschaft ausgerichtet, im Gegensatz zu Emden 

als Beispiel.

(vgl. Krömer S. 126 ff., Kulke S. 334 f., Schaeder 1986, http://www.ostfriesland.de)

5. Die regionale Wirtschaftspolitik und ihre Auswirkungen für Leer

Alle Bemühungen einer regionalen Strukturpolitik für ganz Ostfriesland fußten auf dem Bestreben,

neue Arbeitsplätze für die Region zu schaffen. Dieses sollte durch eine Verbesserung der Infra-

struktur und durch gezielte, unmittelbare Wirtschaftsförderung erreicht werden. So wurde z. B. 

1973 das „Landesentwicklungsprogramm Niedersachsen 1985“ ins Leben gerufen, von dem auch

die Stadt und Region Leer profitieren sollten.

Dabei waren einzelne Maßnahmen, um die wirtschaftliche Infrastruktur von Leer zu verbessern: 

- die Elektrifizierung der Eisenbahnstrecke Oldenburg-Leer ab 1991

- die Fortführung der Autobahn A28 von Oldenburg über Leer bis nach Groningen, also in die

  Niederlande seit Ende der 80´er Jahre

- und damit einhergehend den Bau eines Tunnels unter der Ems nördlich von Leer für die Autobahn

- die Einrichtung eines Flughafens in Leer

- die Vertiefung und Begradigung der Ems (vor allem zwischen Papenburg und Leer)

- der Ausbau des Hafens, unter anderem mit der Neuerrichtung einer Seeschleuse (1976)

- die Gründung und der kontinuierliche Ausbau der Fachhochschule Ostfriesland mit den beiden

  Standorten Emden und Leer.

- 1987 eine „Ostfrieslandkonferenz“ gesellschaftlich relevanter Gruppen mit dem Ziel, sog.

  „endogene“ Kräfte der Region für die Wirtschaft in Ostfriesland zu aktivieren und zu bündeln. 

 (vgl. Krömer S. 142 ff.)

6. Zur aktuellen Situation

Nach dem Niedergang der Werftindustrie (Janssen-Werft) und anderer Betriebe, setzt die Stadt

Leer jetzt auf die neuen Verkehrsanbindungen. Neben der A 28, zweier Bundesstraßen und der 

Bahn soll die BAB 31 eine Verbindung nach Süden ins Ruhrgebiet und Norden Richtung Emden

schaffen, die Leer („Das Tor Ostfrieslands“) als Einkaufsstadt, aber auch als Fremdenverkehrsort

und kulturelles Zentrum Ostfrieslands fördern soll.

Im Bereich des Fremdenverkehrs möchte die Stadt zukünftig verstärkt den Wassersport fördern.

Die bereits in den 70´er Jahren begonnene Sanierung der Leeraner Innenstadt wird fortgesetzt,

das Sanierungsgebiet umfasst 45 ha und ist damit das größte in Niedersachsen (s. a. Hanewald 

1995, S. 81).

Durch die Verkehrsgunstlage erhofft man sich zudem die Ansiedlung von Industrie und vor allem

Gewerbegebiete (s. a. Tab. 4). Weiter soll der Standort Leer als Hochschul- und Behörden, aber

auch als Garnisionsstadt erhalten werden.

Die Arbeitslosenquote für den Bezirk Leer lag im Juli 98 bei 12,2 %.

Nach Kulke 1998 wurde Leer 1995 mit 10 Firmen zum fünfzehntgrößten Reedereistandort in der

Bundesrepublik. Damit ist Leer an der Flotte gemessen mit Schiffen sogar siebtgrößter Standort.

Der Güterumschlag im Seeverkehr hat im Vergleich zum Binnenverkehr aufgeholt, insgesamt hat

es seit dem Beginn dieses Jahrzehnts eine Steigerung gegeben.

(vgl. Seedorf, Meyer S. 257 f., http://www.arbeitsamt.de/leer/amstat.htm, Kulke S. 326 ff.)

7. Quellenangabe

7.1 Monographien

·    ECKERT, G. (1996): Ostfriesland. Stöppel Verlag, Weilheim.

·    HANEWALD, R. (1995): Nordseeküste Niedersachsens. Reise Know-How Verlag, Bielefeld.

·    KRÖMER, E. (1991): Kleine Wirtschaftsgeschichte Ostfrieslands und Papenburgs. Verlag Soltau-Kurier, Norden.

·    KULKE, E. (Hrsg.)(1998): Wirtschaftsgeographie Deutschlands. Justhus Perthes Verlag,

     Gotha.

·    SCHAEDER (Hrsg.)(1986): Wirtschaftliche Entwicklung. Chancen für Leer und die Region.

     Bericht einer Arbeitsgruppe der Stadt Leer/Ostfriesland.

·    SCHOHAUS-REQUARDT, E. (1992): Die Ems - der Strom im Nordwesten. Verlag 

     Soltau-Kurier, Norden.

·    SEEDORF, H.H., MEYER, H.-H. (1996): Landeskunde Niedersachsen, Bd. II. Wachholtz 

     Verlag, Neumünster.

7.2 Internetverzeichnisse 

·      http://www.arbeitsamt.de/leer/amstat.htm.

·      http://www.ostfriesland.de/